„Groundhandling? Ach, das mache ich dann wieder, wenn ich mal Zeit habe.“
Diesen Satz haben wir schon unzählige Male gehört.
Fast jede Pilotin und jeder Pilot verbringt während der Ausbildung viele Stunden auf dem Übungshang. Der Schirm wird aufgezogen, fällt wieder zusammen, die Leinen verknoten sich, man schwitzt, flucht vielleicht ein bisschen und fragt sich insgeheim, wann endlich das „richtige Fliegen“ beginnt.
Dann kommen die ersten Höhenflüge. Die ersten Thermikflüge. Und plötzlich sieht man viele Pilotinnen und Piloten nie wieder am Übungshang. Zu heiss. Zu anstrengend. Zu mühsam. Das Gras ist zu hoch. Die Arme werden müde. Und überhaupt: Fliegen ist doch viel cooler als am Boden herumzurennen.
Genau hier liegt jedoch ein grosses Missverständnis. Denn Groundhandling ist nicht einfach eine Übung für Flugschüler. Groundhandling ist eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt – vom ersten Flug bis zum Weltcup-Piloten.
Warum Groundhandling so wichtig ist
Statistisch gesehen gehört der Start zu den kritischsten Phasen eines Gleitschirmfluges. Viele Zwischenfälle passieren nicht in der Luft, sondern bereits wenige Sekunden vor dem Abheben.
Der Grund ist einfach: Wer seinen Schirm nicht vollständig unter Kontrolle hat, startet oft bereits mit einem Nachteil. Ein sauber aufgezogener, stabil kontrollierter Schirm ist die Grundlage für einen sicheren Start.
Doch die Anforderungen können sehr unterschiedlich sein:
- Ein steiler Startplatz mit kräftigem Gegenwind verlangt eine andere Technik als ein flacher Startplatz.
- Ein schneebedeckter Startplatz verhält sich anders als eine trockene Wiese.
- Ein leichter Rückenwind erfordert andere Entscheidungen als ein sauberer Wind von vorne.
- Stark thermische Bedingungen verlangen mehr Kontrolle als ruhige Morgenluft.
Je besser deine Groundhandling-Skills sind, desto mehr Reserven hast du in solchen Situationen.
Ein guter Pilot startet nicht einfach. Er kontrolliert.
Groundhandling hört nach dem Start nicht auf
Viele denken beim Groundhandling nur an den Start. Dabei hilft dir diese Fähigkeit genauso nach der Landung. Wer schon einmal bei starkem Wind gelandet ist, kennt die Situation:
Du setzt sauber auf. Eigentlich ist der Flug vorbei. Doch plötzlich füllt sich der Schirm wieder, zieht an und versucht, dich über die Wiese zu schleifen. Für die Zuschauer mag das lustig aussehen. Für den betroffenen Piloten meistens weniger.
Wer seinen Schirm am Boden aktiv kontrollieren kann, hat hier einen grossen Vorteil. Der Schirm wird schneller entschärft, die Zugkräfte bleiben kontrollierbar und die Wahrscheinlichkeit eines unfreiwilligen „Nachfluges“ sinkt deutlich.
Die beste Trockenübung für aktives Fliegen
Groundhandling verbessert nicht nur Start- und Landetechnik. Es ist gleichzeitig eine hervorragende Trockenübung für aktives Fliegen.
Ein Pilot, der seinen Schirm bei mittlerem Wind über längere Zeit stabil über dem Kopf halten kann, trainiert automatisch genau jene Bewegungsabläufe, die später in turbulenter Luft wichtig werden.
Bewegt sich der Schirm nach hinten, gibst du die Bremsen etwas frei. Schiesst er nach vorne, bremst du ihn ab. Wandert er zur Seite, gehst du aktiv darunter. Genau dasselbe Prinzip verwendest du später in der Luft.
Bewegungen am Boden vs im Flug: Wenn du beim Groundhandling unter den Schirm läufst, entspricht das im Flug einer Gewichtsverlagerung zur gleichen Seite.
Je mehr Zeit du am Boden investierst, desto intuitiver werden diese Bewegungen später in der Luft. Viele erfahrene Piloten erkennen bereits am Groundhandling eines Piloten, wie aktiv und sauber dieser später fliegen wird.
Übung macht nicht nur den Meister – sondern auch Spass
Am Anfang kann Groundhandling frustrierend sein. Der Schirm fällt ständig nach unten. Die Leinen verheddern sich. Der Wind macht nie das, was man gerade möchte.
Doch irgendwann passiert etwas Interessantes: Du beginnst, den Schirm zu spüren. Du reagierst nicht mehr auf das, was du siehst. Du reagierst auf das, was du fühlst. Und genau dann wird Groundhandling plötzlich unglaublich faszinierend.
Nicht ohne Grund pilgern jedes Jahr Piloten aus aller Welt an berühmte Groundhandling-Spots wie die Dune de Pyla in Frankreich, die weiten Hänge von Castelluccio in Italien oder die Küstendünen Dänemarks.
Dort geht es oft gar nicht mehr darum, fliegen zu gehen. Es geht darum, mit dem Schirm zu spielen. Neue Bewegungen auszuprobieren. Präzision zu entwickeln. Die Grenzen des Materials und der eigenen Fähigkeiten kennenzulernen.
Für viele wird Groundhandling irgendwann zu einer eigenen Disziplin innerhalb des Gleitschirmsports.
So verbesserst du deine Groundhandling-Skills
1. Üben. Und dann nochmals üben.
Es gibt keine Abkürzung. Groundhandling ist wie Skifahren, Musizieren oder Mountainbiken. Theorie hilft. Praxis hilft mehr. Schon regelmässige kurze Einheiten bringen oft deutlich mehr als ein einzelner langer Trainingstag pro Jahr.
2. Rückwärtsaufziehen perfektionieren
Das Rückwärtsaufziehen sollte zur Selbstverständlichkeit werden.
Trainiere:
- korrektes Sortieren der Tragegurte
- sauberes Greifen der A-Gurte
- kontrolliertes Aufziehen
- entspanntes Ausdrehen
- sicheres Abbruchmanöver
An anspruchsvollen Startplätzen reduziert eine saubere Rückwärtsstarttechnik den Stress enorm.
3. Die 5-Minuten-Challenge
Ziehe deinen Schirm auf und halte ihn fünf Minuten lang über dem Kopf. Das Ziel: Die Kappe darf während dieser Zeit den Boden nicht berühren. Anfangs darfst du den Schirm beobachten. Später solltest du versuchen, ihn zunehmend über dein Gefühl zu kontrollieren.
Nutze die Gelegenheit, gleichzeitig dein Umfeld wahrzunehmen:
- Windänderungen
- andere Piloten
- Hindernisse
- verfügbare Fläche
- Geländeform
Denn genau das musst du später auch am Startplatz tun. Wenn du fünf Minuten schaffst, erhöhe auf zehn Minuten.
4. Slalom und Parkour
Sobald du den Schirm stabil halten kannst, beginne aktiv durch das Gelände zu laufen.
Definiere verschiedene Ziele:
- gegen den Wind
- mit dem Wind
- seitlich zum Wind
- um Hindernisse herum
Wichtig: Bewege zuerst den Schirm in die gewünschte Richtung. Erst danach folgst du ihm. Nicht umgekehrt.
5. Hangaufwärts ziehen lassen
Bei stärkerem Wind kannst du die Zugkraft des Schirms gezielt nutzen. Ziehe den Schirm rückwärts auf und halte ihn kontrolliert im Powerbereich. Nicht ganz über dem Kopf, sondern dort, wo er am meisten Zug entwickelt.
Arbeite aktiv mit:
- Bremsen
- A-Gurten
- Körperposition (Hüften!)
Spüre bewusst, wann der Schirm am stärksten zieht. Wenn genügend Zug entsteht, gehst du hangaufwärts. Lässt die Zugkraft nach, verlangsamst du oder bleibst stehen und bringst den Schirm wieder in eine Position, in der er arbeitet.
Diese Übung verbessert dein Schirmgefühl enorm.
6. Aktives Schirmablegen trainieren
Viele Pilotinnen und Piloten üben das Aufziehen regelmässig.
Das kontrollierte Ablegen hingegen kaum. Dabei wird genau das nach einer Starkwindlandung entscheidend.
Übung:
- Schirm frontal über dem Kopf stabilisieren.
- Halbe Bremse anlegen. Den Schirm leicht hinter dich kommen lassen.
- Um 180 Grad zum Schirm eindrehen.
- Beide Bremsen entschlossen und vollständig durchziehen.
- Während des Herunterfallens aktiv auf die Kappe zugehen.
Je häufiger du das trainierst, desto automatischer funktioniert es später im Ernstfall.
Sicherheitstipps
Nicht überall groundhandeln
Viele Wiesen gehören Landwirten oder Pächtern. Frage immer vorher um Erlaubnis. Das schützt nicht nur die Vegetation, sondern auch das Verhältnis zwischen Fliegern und Grundeigentümern.
Hohes Gras vermeiden
In der Schweiz gilt Groundhandling in hohem Grass fast als Verbrechen. Zusätzlich erhöht hohe Vegetation den Verschleiss von Leinen und Tuch und erschwert die Kontrolle des Schirms. Kurze, freie Flächen sind deutlich besser geeignet.
Kein Groundhandling bei Föhn
Groundhandling und Föhn vertragen sich nicht. Auch vermeintlich schwacher Föhn kann starke, impulsartige Böen erzeugen. Diese können einen Piloten überraschend anheben oder mit grosser Kraft über den Boden ziehen.
Wenn Föhn im Spiel ist, bleibt der Schirm besser im Packsack.
Handschuhe und Helm tragen
Auch am Boden können Verletzungen entstehen. Handschuhe schützen vor Leinenverbrennungen. Ein Helm schützt bei Stolperern, Stürzen oder unerwarteten Schleppbewegungen.
Wach bleiben
Groundhandling ist kein Autopilot-Modus. Behalte immer im Blick:
- Windentwicklung
- andere Personen
- Hindernisse
- verbleibende Fläche
Gerade wenn die Übungen gut laufen, sinkt oft die Aufmerksamkeit.
Pausen machen
Groundhandling ist körperlich anstrengender, als viele glauben. Trinke ausreichend. Iss etwas. Mach regelmässig kurze Pausen. Mit sinkender Konzentration steigt das Fehlerrisiko – und der Spassfaktor nimmt meistens ebenfalls ab.
Fazit
Groundhandling ist kein notwendiges Übel aus der Ausbildungszeit. Es ist die Grundlage für sichere Starts, kontrollierte Landungen und aktives Fliegen. Jede Minute, die du am Boden investierst, zahlt sich später in der Luft aus. Und wer lange genug dranbleibt, stellt oft fest: Groundhandling ist nicht die langweilige Vorbereitung aufs Fliegen. Groundhandling ist bereits Fliegen – einfach mit den Füssen noch am Boden.
